Die Flüchtlingskrise ist jedem in Europa ein Thema. Viele wollen helfen, aber wissen nicht wie. Wie man noch heute ganz einfach Hilfe für Flüchtlinge in Deutschland geben kann, stellen wir heute vor.

Im heutigen Artikel verrät uns Viktor Kröker vom Hilfsnetzwerk Helpu (sprich „help u“). Die freiwillige Initiative vernetzt dabei Hilfswillige und Geflüchtete. Das Kernteam des Social Startups ist gerade erst aus Finnland zurück, wo es auf dem Startup-Festvial *ship den „People’s Choice Award“ gewann.

An welchen Stellen hakt es bei der Hilfe für Flüchtlinge in Deutschland besonders?

Victor Kröker von HelpuViktor Kröker: Die Flüchtlingshilfe in Deutschland hat ein ungeahntes Maß an Engagement offenbart, das in dieser Form keinesfalls selbstverständlich ist. Während es an der Hilfsbereitschaft also nicht mangelt, wird man sich unter Helfern stets sehr schnell einig, dass die effektive Kommunikation und Koordination immer noch ein Problem darstellt. Wer braucht wo was? Es kommt etwa vor, dass Spender mit Kinderwagen und Fahrrädern wegen überfüllter Lagerhallen abgewiesen werden, obwohl beides bei den Geflüchteten dringend benötigt wird. Es kommt bloß nicht an. Ähnliche frustrierende Erfahrungen machen auch ehrenamtliche Deutschlehrer, die keine Schüler finden oder Kontaktcafés, von denen Geflüchtete und/oder Helfer nicht erfahren. Die Liste ließe sich noch sehr lange fortsetzen.

Als Antwort darauf werden immer neuere Netzwerke, Plattformen, Facebookgruppen und Emailverteiler erstellt, deren Betreuung sehr viel ehrenamtliches Engagement verschlingt, das auch in direkte Hilfe gesteckt werden könnte. Außerdem lauert die Gefahr, dass die Menschen bei der Vielzahl an Anlaufstellen aneinander vorbei laufen. Hier fehlen zwei Dinge. Übersichtlichkeit und, was noch viel wichtig ist, die Geflüchteten selbst! Ihre persönlichen Anliegen werden auf den herkömmlichen Informationswegen nur indirekt von Helfern kommuniziert, die meist durch Zufall davon erfahren haben.

Wie kann ich selbst Flüchtlingen in Deutschland und anderen Ländern helfen?

Viktor Kröker: Es gibt überall viele unterschiedliche Projekte, bei denen Ehrenamtliche gesucht werden, die regelmäßig bei Kinderbetreuungen, Spendenausgaben, Deutschkursen usw. mithelfen. Allerdings ist es verständlich, dass nicht jeder eine solche langfristige Verpflichtung eingehen kann.
Stattdessen reicht ein Nachmittag aus, um Geflüchtete in der Nachbarschaft erst einmal kennenzulernen. Dabei kann man ganz ungezwungen und unverbindlich erfahren, was die Menschen vor Ort benötigen und wo man vielleicht auch einmalig mal aushelfen kann. Und selbst wenn keine konkrete Hilfeleistung dabei herausspringt, hilft allein die Kontaktaufnahme schon dabei, im fremden Land anzukommen und sich hier wohler zu fühlen.

Also auch wenn es nicht immer so einfach ist, Gelegenheiten dazu zu finden, lohnt es sich in jedem Fall. Um den Weg dahin leichter zu machen, haben wir die Helpu-App entwickelt, die auch immer einen Blick wert ist, um zu sehen, wo in der Nachbarschaft Hilfe gesucht wird.

Wie funktioniert die Helpu-App?

Viktor Kröker: In der Helpu-App setzen wir auf einen Dreischritt, der den Hilfssuchenden aus seiner passiven Handlungsunfähigkeit in eine aktive und selbstbestimmte Rolle versetzt. Braucht eine junge Mutter etwa einen Kinderwagen, wählt sie das entsprechende Wort in ihrer Sprache in der Kategorie „Sachspende“ aus und ergänzt ihre Postleitzahl. Weitere Kategorien sind „Wohnungssuche“, „Dokumentübersetzung“ und „begleitende Dolmetscher“. Anschließend können Helfer im zweiten Schritt in ihrer eigenen Sprache einsehen, welche Hilfe in ihrer Umgebung gesucht wird und diese anbieten. Nun bleibt es im dritten Schritt aber immer noch der jungen Mutter überlassen, sich aus allen eingetroffenen Angeboten eins auszusuchen und zu entscheiden, ob sie der Person auf dem öffentlichen Profil dahinter vertraut. Erst dann ist die Transaktion abgeschlossen.

So funktioniert die Helpu App

Zusätzlich macht es der Broadcast Service möglich, eine ganze Zielgruppe, etwa Helfer oder Hilfssuchende, in einem Postleitzahlraum gleichzeitig mit nützlichen Informationen, Jobangeboten und lokalen Nachrichten zu versorgen. Die Anfragen dazu können Unternehmen und Organisationen in einem Formular unter www.helpu.solutions an uns richten und wir übersetzen diese dann manuell in die gewünschten Sprachen, bevor sie ins Hilfsnetzwerk gesendet werden.

Welche Beispiele gibt es wo das erfolgreich Helpu-Netzwerk helfen konnte?

Viktor Kröker: Für den Aufbau des Hilfsnetzwerks konzentrieren wir uns im Beta-Test auf den Raum Paderborn, da wir hier selbst noch sehr aktiv eingreifen und quasi vor Ort Starthilfe geben können. Bei unseren Testworkshops und Infotreffen bringen wir sowohl Geflüchtete, Helfer und Vertreter von offiziellen Stellen zusammen. Durch unsere interkulturelle Zusammensetzung sind wir in der Lage, auch sprachlich zu vermitteln und schaffen damit einen Raum, in dem sich Geflüchtete die Sorgen von der Seele reden und Antworten auf ihre Fragen erhalten können. Neben der allgemeinen Erleichterung, die damit geschaffen werden kann, ergeben sich im Austausch auch immer wieder Situationen, in denen jemand wiederum jemanden kennt, der ein Fahrrad abzugeben hat, oder eine Praktikumsstelle kennt usw. Inwieweit sich solche Gelegenheiten auch digital bereits verselbstständigen konnten, können wir noch nicht überschauen. Wir arbeiten aber bereits an Feedbacks, um uns und andere auch von den Erfolgsgeschichten motivieren zu lassen, an denen wir nicht direkt beteiligt waren.

Welche Probleme gab es für Helpu bei der Gründung und noch heute?

Viktor Kröker: Als Social StartUp und damit gemeinnütziges Unternehmen steht man immer vor der Herausforderung, ein Finanzierungsmodell auf die Beine zu stellen, das auch längerfristig die eigenen Kosten deckt und unabhängig von Spenden agieren kann. Auch Geld von unseren Nutzern zu nehmen, ihre Daten zu verkaufen oder sie mit Werbung zu belästigen, widerspricht gänzlich der Idee hinter Helpu. Deshalb waren wir von Anfang an auf mutige Kooperationspartner angewiesen, die diesen Weg mit uns gehen und kreatives Unternehmertum an den Tag legen, um uns dennoch Mittel und Wege zur Unterstützung aufzuzeigen. Glücklicherweise durften wir bereits auf solche Partner treffen und können in dieser Hinsicht optimistisch in die Zukunft blicken. Dennoch gibt es hier noch viel zu tun, wie etwa der tatsächlichen Unternehmungsgründung, die wir bisher noch aufgeschoben haben, um den geeignetsten Weg zur Rechtsperson auszuloten.

Was fasziniert Sie ganz persönlich an der Idee der Helpu?

Viktor Kröker: Das Faszinierendste an Helpu ist für mich die Möglichkeit, Geflüchteten eine schnellere und einfachere Integration zu ermöglichen, die sie selbst zu potenziellen Helfern macht. Denn niemand kennt die Probleme mit denen Neuankömmlinge konfrontiert sind so gut, wie diejenigen, die sie selbst vor kurzem gemeistert haben. Neben der eigentlichen Hilfe wird aber noch etwas weitergereicht: Nämlich die Hilfsbereitschaft, die einem wie selbstverständlich selbst zu Teil wurde und man umso bereitwilliger auch anderen zukommen lassen möchte. Und wer weiß? Auch wenn Helpu das Engagement aus der Flüchtlingshilfe aufgreift, heißt das noch lange nicht, dass diese dort verharren muss. Schließlich funktionieren Helpus Kategorien auch für andere hilfsbedürftige Menschen, wie etwa Senioren. Durch den demografischen Wandel erwarten uns auch hier noch einige Herausforderungen und spätestens wenn wir dann von dem mit Geflüchteten initiierten Hilfsnetzwerk profitieren können, haben wir die vermeintliche Krise überwunden und alle gewonnen.

Wie sind die Pläne für die Zukunft?

Viktor Kröker: Nach dem Abschluss unseres Beta-Tests möchten wir Helpu aus dem Paderborner Brutkasten auf ganz Deutschland loslassen und sind gespannt, wie es sich entwickeln wird. Auch dann gilt es das zu tun, was unser Team seit einem Jahr ununterbrochen tut. Mit den Nutzern im Kontakt zu bleiben, Verbesserungsvorschläge, Ideen und Anregungen zu sammeln und die App ständig zu verbessern.

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